Harf Zimmermann über eines seiner Werke
In unserer aktuellen Ausstellung dreht sich alles um zwischenmenschliche Beziehungen. Heute möchten wir Ihnen eine der Aufnahmen näher vorstellen und lassen dabei den Fotografen selbst, Harf Zimmermann, zu Wort kommen:
„1987, Jahr des Wettlaufs der beiden Berlins, Ost und West, wer im 750. Jahr der Stadtgründung die größte schönste Feier ausrichtet. Im Osten hatte man sich ausgedacht: Wer in diesem Jahr im Prenzlauer Berg heiratet und sich zu einer sogenannten Traditionshochzeit verpflichtet (Frack, Zylinder, Reversnadel mit Schleife "750 Jahre Berlin, Hauptstadt der DDR") sollte vom Rat des Stadtbezirks mit einer Fahrt mit der Pferdekutsche belohnt werden. Ich war mit dem Brautpaar verabredet und wartete mit meiner aufgebauten Großformatkamera an der verabredeten Stelle. Das Brautpaar kam später, zu Fuß und ohne Kutsche, die war leider kaputt gegangen, ich disponierte meinen Hintergrund um – keine Kutsche, stattdessen runtergelassene Rollläden und ein öffentliches Telefon – und just in dem Moment, als alles eingerichtet war, scharf gestellt, Licht gemessen usw. und ich schon den Auslöser in der Hand hatte, tauchte links im Bild diese Frau auf. Sie warf ungerührt Münzen in den Apparat ein, fing an zu telefonieren, und war um nichts in der Welt zu bewegen, auch nur eine Minute zu warten. Ich konnte so schnell auch meinen Standpunkt nicht noch einmal korrigieren, das Brautpaar hatte es eilig, also habe ich missmutig irgendwie ein Bild gemacht, von dem ich innerlich allerdings zutiefst überzeugt war, die telefonierende Frau in ihrer gepunkteten Jacke und ihren Ostsandalen hat es mir gründlich ruiniert. Dies dachte ich jedenfalls die nächsten Jahrzehnte hindurch, wollte aber dennoch nicht drauf verzichten, und habe fortan immer einen Ausschnitt gemacht, auf dem sie nicht drauf ist, was aber leider dem Brautpaar immer die Füße kostete. Und es hat mehr als zwanzig Jahre gedauert bis ich begriffen habe: Die Anwesenheit dieser Frau an dem öffentlichen Fernsprecher macht überhaupt erst mein Bild, sie macht das Hochzeitspaar zur Nebensache und rückt das ansonsten ziemlich banale Bild in einen historischen Kontext, den ich mir nicht hätte ausdenken können. Sowieso nicht in dem Moment, aber auch danach nicht. Fotos vom Alltag sind so gut wie nie historisch im Augenblick der Belichtung, sie werden es wenn überhaupt erst über die Zeit. Und so bin ich heute jener gepunkteten Frau, die ich damals so herzlich verflucht habe, zutiefst dankbar für ihre Sturheit.“
Wir freuen uns darauf, Ihnen in den kommenden Wochen weitere Werke aus der Ausstellung vorzustellen!
[Foto: Harf Zimmermann, Das Brautpaar Dreßler hat das Paket "Traditionshochzeit 750 Jahre Berlin" gebucht, Berlin, 1987]