Werk des Monats August 2026: Barbara Klemm, Trapezkünstlerinnen, Rostock, 1974
In unserer aktuellen Ausstellung „Mysterium der Paare“ sind mehrere Werke aus der Sammlung des Fotografie-Forums vertreten. Ein guter Grund, eines davon in unserer Rubrik „Werk des Monats“ näher unter die Lupe zu nehmen:
Eine besondere Paarung präsentiert uns die deutsche Fotografin Barbara Klemm mit ihrer 1974 entstandenen Aufnahme der Trapezkünstlerinnen in Rostock, die während der Feierlichkeiten zur Ostseewoche entstand. Die aus einer leichten Untersicht aufgenommenen Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt vier Akrobatinnen, die in den höchsten Höhen nahezu schwerelos erscheinen. Nur die hochkonzentrierten Gesichter der vorderen Artistinnen verraten, welche Mühen der Auftritt kostet.
Anders als das Publikum, das sich von der Darbietung und den glitzernden Kostümen verzaubern lässt, ermöglicht uns Barbara Klemms Aufnahme eine genaue Sicht auf die Gesichter der Artistinnen, die vom Boden aus normalerweise verborgen bleiben. Selbst die glitzernden Kostüme können nicht über die angestrengten Blicke hinwegtäuschen, die anzeigen, welche Schwerstarbeit hier verrichtet wird. Ähnlich desillusionierend wirkt der Blick auf die marode Fassade, die sich im Hintergrund offenbart: Schon damals zeigt sich, wie arm und immer noch durch den Krieg gezeichnet viele Städte in der DDR waren und bleiben sollten. Auf diese Weise gibt diese Momentaufnahme gleich einen doppelten Einblick in die beschwerlichen Lebensumstände innerhalb der DDR, über die kein Glitzer hinwegtäuschen kann.
Dieses sensible Gespür für jene Momente, die ganze Geschichten und Assoziationsketten auslösen, kennzeichnet das umfassende Werk der renommierten Fotografin Barbara Klemm. Die 1939 in Münster geborene Fotografin hat seit Ende der 1950er-Jahre die Ereignisse der deutsch-deutschen Geschichte festgehalten, seit 1970 als Redaktionsfotografin der FAZ. Wenngleich sie auf nahezu allen Kontinenten unterwegs war, so sind es doch die Ereignisse in Deutschland und der DDR, die sie besonders interessieren. So reist sie immer wieder, wie hier 1974, als Journalistin in die DDR und fängt dort nicht nur politische Ereignisse, sondern auch das alltägliche Leben ein. Viele ihrer Fotografien genießen heute ikonischen Status.
2023 war sie die erste Preisträgerin des Kunstpreises für Fotografie des Fotografie-Forums der StädteRegion Aachen.