Kurzinterview mit Renate Siebenhaar (Estate Pietro Donzelli)
Die Ausstellung „Pietro Donzelli. Zwischenzeiten“ ist in enger Zusammenarbeit mit Renate Siebenhaar entstanden. Seit dem Tod Pietro Donzellis 1998 betreut sie den künstlerischen Nachlass und setzt sich dafür ein, das vielfältige Werk des Fotografen bekannter zu machen. Wir wollten von ihr wissen, was sie an Donzelli begeistert und welche Verantwortung die Arbeit mit einem solch umfangreichen Nachlass mit sich bringt.
1) Wann kamen Sie das erste Mal mit den Arbeiten Pietro Donzellis in Kontakt?
Das war 1994 in Bologna, anlässlich einer Gruppenausstellung zur italienischen und französischen Fotografie der 1950er Jahre. Ich ging eigentlich nur hin, weil mich die Witwe von Luigi Ghirri - ein zeitgenössischer Italienischer Fotograf, den ich schätzte und sammelte - bat, mir Donzellis Fotografien anzuschauen. Die beiden Fotografen hätten viel gemeinsam und Donzellis Fotografien würden mich mit Sicherheit begeistern. Was stimmte. Sie haben mich sofort in ihren Bann gezogen.
2) Was begeisterte Sie damals daran und was begeistert Sie noch heute?
Natürlich seine meisterlichen Kompositionen, sein Umgang mit Licht und Schatten und das da nichts ist, was nur auf Effekt aus ist. Sein genauer und teilnehmender Blick auf einfache Menschen und deren oft harten Existenzbedingungen und zugleich sein Blick für die Schönheit und den Zauber im Alltäglichen, diese sanfte Radikalität. Man spürt seinen unbedingten Willen zur Wahrhaftigkeit und zum Wesentlichen. Und da ist eine konzentrierter Stille in seinen Fotos, oft auch durchzogen von Rätselhaftigkeit. Sie laden ein zum Innehalten, zum Nachdenken, vielleicht auch zum Träumen und enthalten etwas Universelles und Zeitloses.
3) Können Sie die Geschichte des Estate ein wenig skizzieren?
Ich wollte in Deutschland nach Möglichkeiten suchen, wo dieser wunderbare Fotograf gezeigt werden könnte. Und das noch zu Lebzeiten - er war damals 79 Jahre alt. Zu dieser Zeit hatte ich über mein ehrenamtliches Engagement für Kunstauktionen zugunsten der Deutschen Aidsstiftung auch mit Jean Christophe Ammann zu tun, dem damaligen Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt. Er kannte Donzelli zwar nicht, war aber sofort begeistert. Mittlerweile hatte ich für Donzelli auch eine Galerie gefunden. Und seine Arbeiten kamen in wichtige Sammlungen, ein großes Konvolut erwarb die damals gerade gegründete renommierte Fotografiesammlung der DZ Bank, jetzt DZ Bank Kunststiftung.
1997 gab es mit Jean Christophe Ammann als Kurator Donzellis erste Retrospektive im Kunstmuseum in Wolfsburg, einem Museum nicht nur für Fotografie. Neben seiner Ausstellung war zeitgleich eine Retrospektive von Nan Goldin, was beide - Nan Goldin und auch Donzelli gut gefiel: Zwei Fotografen so unterschiedlich und doch hatte für beide die Fotografie eine existentielle Bedeutung. Donzelli war damals 82 Jahre alt. Zeitgleich gelang es, dass Wilfried Wiegand, damals Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ein großer Fotografiesammler und - kenner, Donzelli viele Seiten im FAZ-Magazin gewidmet hat. Ein französischer Fotograf - Serge Cohen - wurde nach Mailand geschickt und ein Porträt Donzellis im FAZ-Magazin 1997 veröffentlicht, was auch in seiner Heimatstadt Mailand für großes Aufsehen sorgte. Donzelli, der ja hauptberuflich Archivar für eine Telefongesellschaft war, erfuhr nach all den Jahren des Vergessens eine neue Wertschätzung.
Ein lebenslanger Wunsch von ihm war die Teilnahme am berühmten Rencontres de la Photographie in Arles. Frankreich war für ihn - neben der Fotografie in den USA - ein wesentlicher Bezugspunkt. Noch zu seinen Lebzeiten ging dieser Wunsch in Erfüllung: 1998 wurde Pietro Donzelli zu einer Einzelausstellung nach Arles eingeladen. Im selben Jahr ist er in Mailand verstorben und sein Archiv kam nach Frankfurt.
4) Wie sieht Ihre heutige Arbeit mit dem Nachlass aus?
Mir ist es nach wie vor vorrangig, dass Donzellis wunderbare Arbeiten von vielen Menschen gesehen werden können - ich freue mich über diese Ausstellung hier in Monschau. Ich schaue immer nach Ausstellungsmöglichkeiten, auch indem ich meine Kontakte aktiviere und ausweite. Das ist zeitintensiv und manchmal auch mühsam. Anschreiben, Telefonate, Reisen, Präsentationen. Kuratoren, Ausstellungsmacher und Institutionen haben ihren Fokus verstärkt auf zeitgenössischer Kunst, oft auch auf weiblichen Positionen, oder auch auf außereuropäischer Kunst. Zusätzlich erschwerend ist, dass italienische Fotografie im Allgemeinen wenig präsent ist.
Das macht auch die wissenschaftliche Aufarbeitung nicht leichter, ein weiteres zentrales Anliegen, das ich als Kuratorin des Nachlasses verfolge. Hier sind sehr viel Eigeninitiative, Investition und Kooperation nötig. Ein gutes Beispiel ist Aria di Napoli. Das ist Donzellis Titel für ein in den 1950er Jahren geplantes, aber erst 2024/2025 realisiertes Buch. Viele Fotografien von Neapel waren uns zwar als Einzelbilder bekannt, aber niemand wusste bis Anfang der 2020er Jahre von Donzellis Buchidee.
Die italienische Kunsthistorikerin Ennery Taramelli (die Kuratorin der Gruppenausstellung in Bologna) sichtete den Dokumentennachlass, der von Donzellis Familie in Mailand nach Rom geschickt werden musste. Sie fand heraus, dass Donzelli seine frühen Neapelfotografien - beeinflusst vom filmischen Sehen - auch als Erzählung in Bildern für ein Buch geplant hatte. Im Verlauf der mehr als 2 Jahre dauernden Zusammenarbeit zwischen der Kunsthistorikerin und dem Archiv, bei intensiven Diskussionen, Sichtungen, dem Austausch der Motive/Fotografien, oftmals inklusive ihrer Rückseiten, entstand ein wissenschaftlich fundierter umfangreicher Essay mit einer Rekonstruktion von Aria di Napoli, der natürlich veröffentlicht werden sollte. Dazu bedurfte es eines Verlags. Wer macht das, wo Bücher immer weniger gelesen werden und es zudem um ein zwar bebildertes, aber auch wissenschaftliches Buch ging und wo aktuell die Produktionskosten in die Höhe schnellen? Kein italienischer Verlag wollte das Risiko übernehmen, was in Anbetracht der italienischen Autorin und des Künstlers naheliegend gewesen wäre. Ein kleiner, passionierter Verlag mit Focus auf italienischer Literatur - der Corso Verlag aus Wiesbaden - war begeistert von Donzellis Fotografie und hat sich auf dieses aufwändige und risikoreiche Abenteuer eingelassen: zudem zweisprachig, italienisch und deutsch, was doppelte Lektoratskosten und zusätzliche Kosten für eine Übersetzerin mit sich brachte. Wichtig bei einer solchen Publikation sind reproduktionsfähige Scans und deren schnelle Verfügbarkeit, was große Sensibilität und Vertrauenswürdigkeit voraussetzt. Hier steht dem Archiv mit Horst Ziegenfusz seit vielen Jahren ein fachkundiger Unterstützer zur Seite. Und um ein möglichst breites Publikum zu erreichen, wurde für einen Ausstellungsraum der DZ Bank Kunststiftung eine Präsentation des Projektes mit Fotografien aus deren Sammlung und dem Archiv initiiert und so konnte die Frankfurter Allgemeine Zeitung auch dieses Mal für eine umfangreiche Berichterstattung gewonnen werden.
Solche Kooperationen und Erfahrungen machen die Arbeit eines Nachlassverwalters erfüllend. Es ist immer die Begeisterung für Donzellis Fotografien, die alle zusammenführt und durch den Blick engagierter Autoren und Kuratoren andere Kontextualisierungen und erweiterte Sichtweisen auf sein vielschichtiges Werk möglich werden lässt. Das gilt auch für die Publikation „Pietro Donzelli. Zwischenzeiten“ mit dem Essay von Andreas Platthaus, eine Veröffentlichung über die ich mich sehr freue und die durch das Fotografie-Forum der StädteRegion Aachen und das besondere Engagement der Leiterin und Kuratorin Dr. Nina Mika-Helfmeier ermöglicht wurde.
5) Möchten Sie noch etwas loswerden, das Ihnen in Bezug auf den Fotografen Donzelli und/oder sein Werk wichtig ist?
Überleitend zu Ihrer letzten Frage möchte ich den Blick auf eine Werkgruppe lenken, für die ich mir eine kuratorische Aufarbeitung und/oder auch einen literarischen poetischen Begleittext wünschen würde. Die karge Gegend um Siena, eine Landschaft in der Toskana, wird für Donzelli mit ihren Erdformationen und Erosionstälern Motivation zu phantastischen, zum Teil stark abstrahierten Kompositionen. Die Bedeutung, die er dieser Serie beimisst wird deutlich in einem kurzen Begleittext, in dem er auf Edward Weston Bezug nimmt: „[Es] kamen mir die Worte von Edward Weston in den Sinn... ‚Die Kamera muss dazu dienen, die genaue Substanz festzuhalten.‘“
Die Fragen wurden von Renate Siebenhaar im April 2026 schriftlich beantwortet. Wir bedanken uns sehr für die Bereitschaft zum Interview!