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Mal so gesehen …

Ansichten, Sichtweisen, Einblicke, Durchblick und mehr gewähren wechselnde Autoren an dieser Stelle. Meldet sich Gabor Baksay zu Wort, nimmt er in der Regel die großen Ausstellungen wortspielerisch unter seine Lupe.

Das KuK-Team berichtet von Wissenswerten, was sich so zwischen Transport, Hängung und Gesprächen abspielt. Ab und zu tauchen auch Experten tiefer ein in kunstwissenschaftliche oder restauratorische Details rund um einzelne Werke. Auf jeden Fall wird’s hier persönlich – und spannend. Es sei explizit betont, dass diese Rubrik einen subjektiven Charakter hat.

Howard Greenberg Sammlung „Cadavre Exquis“

Jemand Lust? Lassen Sie uns eine Partie „Cadavre Exquis“ spielen. (Sie erinnern sich, das dem Surrealismus entstammende Spiel aus voneinander unabhängigen Teilen, die - Überraschung! - ein Ganzes ergeben.
Also, ziehen wir mit verbundenen Augen vier Exponate aus dem Ausstellungskonvolut der Howard Greenberg-Sammlung und schauen dann mal weiter:

 

1.
Joel Meyerowitz
Dusk, Fence, Provincetown, 1977

Joel Meyerowitz Provincetown Massachusetts 1977 Joel MeyerowitzAls wollte er die Surrealisten in ihren Theorien bestätigen, ist an diesem - darf man sagen Schnappschuss? - wenig komponiert und viel dem Zufall überlassen. Die Bildmitte, normalerweise der zentrale Ehrenplatz des Bildgegenstandes, bleibt unbesetzt. Wenn überhaupt, bildet das grelle Licht von Meyerowitz‘ Blitz den zentralen Bildgegenstand. Ein Licht allerdings, dass trotz seines kurzzeitigen Aufblitzens, seinen ewigen Kampf mit der Dunkelheit gerade zu verlieren scheint, wofür auch die Tatsache spricht, dass es hier nach herkömmlicher Vorstellung eigentlich nichts zu fotografieren gibt. Es sei denn, man ist daran interessiert, die Abwesenheit von etwas festzuhalten. Etwas, dessen Abwesenheit ebenso unheimlich wie willkommen ist. Ein Etwas, dass Lacan „den großen Anderen“ oder den Riss, der durch die Welt geht, nennt. Von diesem Etwas handeln alle Filme von David Lynch, die Romane von Dostojewski und die dunkelsten Meisterwerke des Surrealismus.

Typisch für Meyerowitz sind sein abstrahierender Blick und seine Obsession für Farben. Der Kurator Franceso Zanot prägte für das Frühwerk von Joel Meyerowitz den Begriff der „Action Photography“. Als Fotograf lauerte er nicht auf den entscheidenden Augenblick, sondern fing die Bilder mit einer unglaublichen Lässigkeit aus der Hüfte ein, als wäre ihm das Ergebnis egal. Das Lasso mit dem er auf die Pirsch ging, war allzeit bereit, aber locker gespannt. Bestimmt war er oft genug selbst überrascht, was er damit eingefangen hat.

Foto: Meyerowitz Joel, Dusk, Fence, Provincetown 1976

 

2.
Helen Levitt
New York City, 1940

Helen Levitt New York City 1940 Helen Levitt Film Documents LLCDie unheimliche Wirkung auch dieses Fotos spricht sehr dafür, dass an Bretons „Cadavre Exquis“-Theorie etwas dran sein muss. Auch hier könnte es sich wieder um einen Film-Still von David Lynch handeln - allerdings aus dessen schwarzweißer „Eraserhead“-Frühzeit. Und wieder wirkt das Bild äußerst… surrealistisch.
Die eigentlich niedliche Kleinheit der Protagonisten erfährt durch die düstere Gesamtkomposition eine gefährliche Schräglage in Richtung des kleinwüchsigen „Man from another Place“ aus dem „Red Room“ von Twin Peaks oder schlimmer noch, an die Mörderin in Rot aus „Wenn die Gondeln Trauer tragen“.
Ein wenig entspannt wird die Situation durch das Ballett der Beinchen, das in seiner Verspieltheit aber nicht den gesamten Ernst der Lage zu entschärfen vermag. Schließlich macht die gravitätische Haltung des Anführers vorne rechts unmissverständlich klar, wer hier das Sagen hat, und dass noch einige Scharmützel vor der endgültigen Eroberung des Süßigkeitenautomaten zu erwarten sind.

Helen Levitt war eine profilierte Vertreterin der New Yorker Street Photography und erhielt ihren künstlerischen Segen als junges Mädchen von Cartier-Bresson, der sie zum Kauf ihrer ersten Leica inspirierte, und von Walker Evans, als dessen Assistentin sie Gelegenheit genug bekam, das Wesen der Fotografie am lebenden Objekt zu studieren.
Lange Zeit über waren ihre favorisierten Motive Kinder auf der Straße und die künstlerischen Hervorbringungen, die diese mit Kreide an die Wände malten. Zwei dieser, von Kinderhand gezauberten New York Graffiti, sind in der Ausstellung zu sehen.

Foto: Helen Levitt, N.Y.C. 1940

 

3.
Horst P. Horst
Mainbocher Korsett, Paris, 1939

Horst P Horst Mainbocher Corset Paris 1939 Horst Estate Conde NastFast scheint es, als hätte sich einer der wichtigsten Modefotografen des 20. Jahrhunderts, Horst P. Horst, von Madonnas Video „Vogue“, aus ihrer klassischen „Erotica“-Phase zu einem lasziven Gift-Cocktail aus Geld, Macht und Begierde inspirieren lassen.
Natürlich war es umgekehrt: Madonna hat ihr Video mit Hort P. Horst-Zitaten nur so gespickt. Das dramatisch ausgeleuchtete Schwarzweiß, die lustvolle Verbindung von Erotik und Luxus ohne den leisesten Anflug von schlechtem Gewissen, die androgynen Männerfiguren und das klassizistische Dekor trugen allesamt die Handschrift des damaligen Starfotografen der Vogue.

Auf wen sonst würde die Bezeichnung „Lichtbildner“ besser passen als auf Horst P. Horst? Für die suggestive Tiefenraumwirkung die er damit erzielte, liebten ihn die Models, Art-Direktoren und Designer. Bevor der Begriff überhaupt erfunden wurde, fotografierte er die ersten Supermodels, wie die Schwedin Lisa Fonssagrives, die er in den Roben von Coco Chanel oder Jeanne Lanvin unsterblich machte.

Das Foto um das es hier geht, markiert nicht nur ein Schlüsselwerk der Modefotografie, sondern auch das Ende einer Ära. Horst, der mit bürgerlichem Namen Horst Paul Albert Bohrmann hieß - (man versteht, warum manche Künstler Pseudonyme für sich kreieren), feierte seine Triumphe in Paris, das er aber 1939, als die Nazis endgültig ernst machten, Richtung New York verlassen musste. Das Foto für die französische Vogue machte er am Abend bevor er Paris verlassen musste.
Die Satin-Korsagen des New Yorker Luxuslabels Mainbocher galten seinerzeit als Luxus in seiner verruchtesten Form schlechthin. Nachdem dieses Accessoire in den 1920er Jahren als Überbleibsel der einschnürenden Prüderie des 19. Jahrhunderts aus der Mode gekommen waren, verhalf Horst ihm zu einem grandiosen Comeback. Beide - Fotomodel und Textil - verschmelzen in dem Marmorbad durch raffinierte Verschattungen zu einem Gebilde wie aus einem Guss.

Übrigens, hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass sich Horst P. Horst wiederholt mit dem Genre des Surrealismus beschäftigte und z.B. Ballett-Kostüme von Salvador Dali in Szene setzte?

Foto: Horst P. Horst, Mainbocher Corset, Paris 1939

 

4.
Martin Munkácsi
Untitled (Diana Vreeland), unbekannten Datum, wahrscheinlich 1930er Jahre

Martin Munkacsi Untitled Diana Vreeland date unknown Howard Greenberg Gallery New YorkWas Bitteschön ist DAS? Und was hat es in dieser Hommage an die internationale Spitzenfotografie verloren? Da es so vieldeutig, gleichzeitig beiläufig und versponnen wirkt, wahrscheinlich ALLES. Zumindest, wenn man als unabdingbare Vorraussetzung großer Kunst, ein nicht aufklärbares Restmysterium voraussetzt.
Und mysteriös ist diese Aufnahme nun wirklich, und auch humorvoll und versponnen, aber das sagte ich bereits. Mir jedenfalls bereitet es immer wieder großes Vergnügen an diese Aufnahme zurückzudenken, seit ich sie im KuK-Museum leibhaftig an der Wand hängen sah.

Egal wie wunderlich diese Aufnahme vielleicht sein mag, Martin Munkácsi ist in der Welt der Fotografie alles andere als ein Niemand. Im Gegenteil war er es, der keinen Geringeren als Henri de Cartier-Bresson inspirierte, Fotograf zu werden. Aber dazu später.
Ursprünglich war Munkásci Sportfotograf, der die Modewelt revolutionierte, indem er die Models „in Bewegung versetzte“. Diese standen traditionellerweise schockgefroren in der Deko herum (man sollte ja schließlich die Roben gut sehen) und hatten, außer schmachtend/sexy/männermordend die Kamera zu fixieren, nichts weiter zu tun.
Munkásci setzte sie endlich an die frische Luft und ließ sie von der Leine. Dabei waren ihm seine Erfahrungen und das technische Know-How aus der Sportfotografie überaus nützlich.
Auch jenseits der Modefotografie, als Vertreter des „Neuen Sehens“, war Schnelligkeit sein Thema.
„Think while you shoot“, lautete sein Motto, dessen Doppelsinn stilbildend war: 1. beim Fotografieren zu denken, und 2. den Augenblick, so wir er sich gerade darstellt, zu begreifen und zu ergreifen.
Zum Beispiel zeigte sich der junge Cartier-Bresson von Munkáscis Momentaufnahme dreier im Meer herumspringender Kinder (übrigens auch in der Ausstellung im KuK zu sehen) zutiefst berührt. Er berichtet in einem Brief an Munkáscis Tochter Joan:
„Ungefähr 1931 oder 1932 sah ich eine Fotografie deines Vaters dreier schwarzer, ins Meer rennender, Knaben. Ich muss gestehen, dass es diese eine Fotografie war, deren Funke mein Feuerwerk entzündete […] und mir auf einen Schlag klarmachte, dass Fotografie die Ewigkeit durch den Augenblick erreichen kann. Dies ist das Foto, dass mich geprägt hat.“ Henry de Cartier-Bresson, 1977

Foto: Munkacsi Martin, Untitled (Diana Vreeland), date unknown

 

Gabor Baksay


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